Mythos: Du musst deinen Hund ignorieren, wenn er Angst hat
Eine der schlimmsten Mythen ist die Empfehlung, dass du deinen Hund ignorieren solltest, wenn er Angst hat.
Aber Angst ist ein sehr starkes Gefühl, bei unseren Hunden genauso wie bei uns Menschen. Wenn wir Angst haben, dann suchen wir in der Regel nach Nähe, Verständnis und jemanden, der uns Sicherheit gibt. Bei unseren Hunden ist das nicht anders.
Trotzdem hält sich dieser alte Mythos hartnäckig, der besagt: „Wenn du deinen Hund bei Angst tröstest, dann verstärkst du seine Angst.“
Dieses Verhalten kann im schlimmsten Fall das Vertrauen in dich zerstören.
Die moderne Verhaltensforschung ist sich längst einig, dass Emotionale Sicherheit kein Luxus ist, sondern die Grundlage für Lernfähigkeit, Vertrauen und Bindung.
Hunde, die in stressigen Situationen Unterstützung durch ihren Menschen erfahren, entwickeln meist eine höhere Resilienz, sie können sich also schneller von Belastungen erholen und neue Situationen besser bewältigen.
Alte Mythen wie „Ignoriere die Angst, sonst verstärkst du sie“ stammen aus einer Zeit, in der man Gefühle bei Tieren kaum erforscht hatte.
In diesem Beitrag erkläre ich dir warum Angst nicht einfach „wegtrainiert“ werden kann und warum dein Hund deine Unterstützung benötigt, wenn er Angst hat.
Was ist Angst überhaupt?
Angst ist kein Verhalten, sondern ein Gefühl.
Angst entsteht immer dann, wenn ein Lebewesen in eine Situation kommt, die es als bedrohlich wahrnimmt. Dabei ist es ganz egal ob die Bedrohung real ist oder nur im Kopf vorkommt, also eingebildet ist. Angst ist ein Schutzmechanismus, der überlebenswichtig ist. Denn ohne Angst würden Hunde und auch wir Menschen gefährliche Situationen nicht vermeiden.
Wenn dein Hund Angst hat, dann reagiert er nicht mehr bewusst, sondern sein Körper wird von uralten, biologischen Programmen gesteuert. Typische Angstreaktionen sind Zittern, Hecheln, geduckte Körperhaltung, Winseln, Fluchtversuch, Erstarren oder sogar aggressives Verhalten.
All das sind natürliche Stressreaktionen und haben mit Ungehorsam nichts zu tun.
In der Verhaltensbiologie spricht man von den 4 F´s – den vier Reaktionsmustern auf eine Bedrohung:
- Flight (Flucht): Der Hund versucht der Situation zu entkommen. Durch Wegrennen, Ausweichen oder Verstecken
- Fight (Kampf): Der Hund versucht die Gefahr abzuwehren.
- Freeze (Erstarren): Manche Hunde „frieren“ ein. Sie bewegen sich nicht mehr, wirken apathisch oder wie „abgeschaltet“. Du kennst vermutlich den Ausdruck „Starr vor Angst“
- Fiddle (Übersprung): Hier zeigen die Hunde für diese Situation untypische Verhaltensweisen, von plötzlichen schnüffeln an einem Grashalm oder sich putzen kann alles dabei sein. Sehr oft wird auch plötzlich „gespielt“, doch auch das kann ein Zeichen von Überforderung sein.
Ich nenne das gerne: Spielen aus Verzweiflung.
Diese Reaktionen entstehen nicht bewusst und lassen sich nicht einfach abstellen. Ein Hund kann seine Angst nicht kontrollieren, genauso wenig wie ein Mensch plötzlich aufhören kann, Höhenangst zu empfinden, nur weil ihm jemand sagt, er sollte sich zusammenreißen.
Darum ist deine wichtigste Aufgabe als Bezugsperson: Erkenne, wann dein Hund Angst hat und gebe ihm Sicherheit anstelle ihn zu korrigieren oder zu ignorieren.
Angst kann man nicht belohnen
Ein häufiges Missverständnis in der Hundeerziehung entsteht, wenn alles durch die Brille der Lerntheorie betrachtet wird. Oft wird angenommen, dass man die Angst verstärkt, wenn man seinen Hund beachtet und ihm Unterstützung bietet. Denn aus Sicht der Lerntheorie wird Verhalten, dass Beachtung findet und sich lohnt häufiger gezeigt.
Doch Angst ist kein Verhalten. Angst ist ein Gefühl! Und Gefühle folgen nicht einer Lerntheorie.
Dein Hund lernt also nicht Angst häufiger zu zeigen, weil er in angstauslösenden Situationen Unterstützung von dir bekommt. Viel mehr lernt er, dass er nicht alleine ist, verstanden wird und sich auf dich verlassen kann.
Was du durch deine Unterstützung beeinflusst, ist höchstens das Verhalten rund um die Angst, nicht das Gefühl selbst.
Wenn du deinen Hund durch deine Nähe und Unterstützung zeigst, dass die Situation sicher ist, kann er lernen, dass er in solch einer Situation keine Angst haben braucht. Das ist ein großer Schritt in die Richtung, dass er zukünftig gelassen mit der entsprechenden Situation umgehen kann.
Co-Regulation
In der Psychologie spricht man von Co-Regulation. Sie beschreibt, wie wir durch die Nähe und Ruhe eines anderen Lebewesens unsere Emotionen regulieren können. Das ist bei uns Menschen genauso wie bei deinem Hund.
Studien zeigen, dass die Anwesenheit einer vertrauten Person beim Hund messbare physiologische Veränderungen bewirken. Der Herzschlag wird ruhiger, Stresshormone sinken, und der Hund erholt sich schneller. Zuwendung wirkt also wie ein emotionales Sicherheitsnetz.
Das bedeutet: Wenn du deinen Hund bei Angst tröstest, hilfst du ihm, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Du bist sein Anker in einer Situation, die sich für ihn unkontrollierbar anfühlt.
Was passiert, wenn du Angst ignorierst?
Stell dir vor, du stehst mit Höhenangst auf einer schwankenden Hängebrücke. Deine Knie zittern, dein Herz rast, du bekommst kaum noch Luft und willst einfach nur noch von dieser Brücke runter. Neben dir steht jemand, dem du vertraust – doch anstelle dich zu beruhigen und dich zu unterstützen, sagt die Person einfach nur: „Stell dich nicht so an. Reiß dich zusammen.“ Oder dreht sich einfach weg und geht. Wie würdest du dich fühlen?
Für unsere Hunde ist es dasselbe. Wenn wir ihre Angst ignorieren, nicht ernst nehmen, sie alleine lassen oder ihre Angst-Signale übergehen, dann fühlen sie sich hilflos, allein gelassen und unverstanden.
Das kann schwerwiegende Folgen haben:
- Der Stress bleibt länger bestehen.
- Eure Bindung leidet, weil der Hund nicht weiß ob er sich auf dich verlassen kann.
- Der Hund „regelt“ die Situation und erlernt evtl. eine Verhaltensstrategie, die nicht immer in unserem Interesse ist.
- Die angstauslösende Situation wird noch negativer besetzt.
Angst, die nicht gesehen oder begleitet wird, verschwindet nicht. Sie kann sich verfestigen oder sogar ausweiten. Plötzlich hat der Hund nicht mehr nur Angst vor dem Gewitter, sondern auch schon vor dunklen Wolken oder Dunkelheit oder bestimmten Geräuschen, die er damit verknüpft.
Wie reagierst du richtig?
Zuwendung bedeutet nicht, dass du mitleidig wirst, selber panisch reagierst oder deinen Hund übermäßig bemitleidest. Es geht darum Sicherheit zu vermitteln und ihm das Gefühl zu geben, dass du für ihn da bist.
Das kannst du konkret tun:
- Bleibe ruhig und präsent. Deine eigene Haltung überträgt sich auf deinen Hund.
- Sprich mit ruhiger Stimme. Ein gleichmäßiger Ton wirkt stabilisierend.
- Biete deine Nähe an.
- Bleib verlässlich.
- Begleite deinen Hund durch die Situation.
- Schaffe einen sicheren Rückzugsort (wenn möglich).
Das Entscheidende ist: Dein Hund merkt, dass du da bist, ihn ernst nimmst und ihn nicht „im Regen stehen lässt“.
Deine Unterstützung ist also keine Belohnung für Angst, sondern sie ist Ausdruck eurer Beziehung. Und genau in schwierigen Situationen zeigt sich, wie stabil diese Beziehung wirklich ist.
Also gebe deinem Hund in für ihn überfordernde Situationen Halt und Sicherheit.
Denn genau hier entsteht Vertrauen, wenn du sinnvolle Entscheidungen für euch triffst und auch in Situationen bei deinem Hund bleibst, wenn es unbequem wird.. Dein Hund wird lernen, dass sein Mensch immer für ihn da ist, wenn er ihn braucht. Und das ist eine gute Grundlage für eine stabile Bindung.
Zum Weiterlesen:
Angsthunde richtig sichern
Hund entlaufen – Was nun?
Quellen:
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