WILSON DER ANTIAUSSIE TEIL: 37

von Mira Weidhaas

SCHWIERIGE ZEITEN TEIL 2

Selbstverstümmelung. Dieses seiner letzten Register musste einfach Wirkung zeigen, hatte es doch schon die eine oder andere Absage meiner Termine herbeigeführt.

Auch wenn er mich nervt, bin ich nämlich eigentlich äußerst fürsorglich und würde Herrn Müdi aufgrund seiner selbst zugefügten Wunden nicht unbeaufsichtigt lassen und ihn damit noch mehr ins Verderben stürzen lassen, auch wenn er es dann und wann verdient hätte. Naheliegende Annahme seitens des Tieres also, dass dieses Manöver, wenn es schon beim herzlosen Frauchen zieht, auch beim Verhindern von langen Auslandsreisen des Ahnungslosen Erfolg verheißen könnte.

Besagte Selbstverstümmelung richtet sich übrigens (bisher) ausschließlich gegen seine Pfoten (sehr praktisch, wenn man ungern läuft). Unbeaufsichtigt wird so lang und hingebungsvoll an den Ballen genagt, bis es gelingt, die obere Hautschicht abzulösen und blutige Fleischwunden entstehen. Im Optimalfall werden die dadurch erzeugten Schmerzen im Anschluss gewöhnlich so lang unterdrückt und überspielt, bis sich die Wunden durch Umwelteinflüsse stark entzünden und – mindestens durch die Beaufsichtigung einer Bezugsperson – rund um die Uhr behandelt werden müssen. Ich kenne besagte Angewohnheit von ihm somit eigentlich schon ganz gut, hatte bis dato allerdings nicht vermutet, dass er sie auch gezielt einsetzten würde, und wurde im Kontext der akuten Verlustangst des Müdis nun eines Besseren belehrt.

Bisher tarnte Müdi jedenfalls diesen, wie wir heute wissen, gezielten Versuch unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und eine Befreiung von langen Spaziergängen durch ärztliches Attest zu erlangen dadurch, dass er die Selbstverstümmelung augenscheinlich nur in für uns rational begründbaren Situationen vornahm. Sie erfolgte nämlich ausschließlich bei nasskaltem Wetter, wenn ähnlich wie bei uns Menschen, durch Heizungsluft und Außentemperaturen die Haut auszutrocknen und im Folgeschluss zu jucken beginnt. Naheliegend also, dass auch die empfindlichen Fußballen des Prinzen Müdi nicht vor der Unannehmlichkeit der dunklen Jahreszeit bewahrt bleiben. Dass der Hund, weil er es nun einmal nicht besser weiß und nicht zur nächsten Fettcreme greifen kann, manisch daran zu knabbern beginnt, woraus nun einmal Wunden resultieren, erschien uns absolut logisch und nachvollziehbar. Gewieftes, kleines Tier! Denn denken wir mal weiter und versetzen uns mit unserem heutigen Wissen in die Abgründe der müdischen Gehirnwindungen, ist sein Verhalten auch aus seiner Sicht absolut logisch – allerdings auch berechnend…

Vielleicht begann alles einmal wirklich damit, dass ihm seine Ballen aufgrund der Wetterlage zu jucken und er an ihnen zu knabbern begann, sich Wunden bildeten, welche sich entzündeten, was wiederum zu unangenehmem Brennen und noch mehr Juckreiz führte. Ganz schön fies wird er dies zunächst gefunden haben, allerdings – und dies sind die Dinge, die sich das Tierchen merkt – ergaben sich auch einige Vorteile aus dem selbst herbeigeführten Schlamassel: Die Menschen umsorgten ihn, Spaziergänge wurden aufgrund der offenen Wunde kürzer, er stand demnach im Mittelpunkt UND musste sich nichtmals dafür bewegen. Und das nicht nur für eine kurze Zeit, sondern für mehrere Wochen! Denn war die Wunde verheilt, wurde er weiter geschont, da er durch die Fehlbelastung, die der dreibeinigen Humpelphase geschuldet war, kürzertreten ‚musste‘, um Folgeschäden zu verhindern. Absolut logisch also, dass Hund sich so was merkt und bei nächster Gelegenheit für sich einzusetzen sucht. Ein viel zu einfacher Weg zum ganz spezifischen Müdi-Hundeglück. 

Ich kann Euch an dieser Stelle verraten, dass Wilson auch mit diesem letzten verzweifelten Akt zur Selbsthilfe, leider gescheitert und überdies seine jahrelang bewährte Taktik sogar aufgeflogen ist. Er durchschaute bis dato vermutlich noch nicht, dass seinem Herzensmenschen einfach nicht so bewusst zu sein scheint, dass Mann einen schwerst kranken und/oder verletzten Müdi nicht mit einer bösen Mira alleine lassen darf. Dass ausschließlich die spezifische Pflege des einen Freundes ihn wiederaufrichten könnte und dass dadurch das Antreten eines längeren Auslandsaufenthaltes völlig ausgeschlossen ist. Dabei ist das doch offenkundige Logik!

Der auch in dieser Hinsicht Ahnungslose ging also trotzdem und zerbrach dem Müdi ein kleines bisschen das Herz. Bis zum großen Wiedersehen der beiden, bestraft er nun einfach mich für seinen Schmerz. Hätte schließlich, durch meine jahrelange Müdierfahrung und die Kompetenz des Sprechens, seinen Freund über den Sachverhalt und eine korrekte Verhaltensweise aufklären müssen. Er ist schließlich ahnungslos und das sollte keiner besser wissen als ich!

Alles also letztlich doch wieder meine Schuld. So streifen wir nun erst mal wieder zu zweit durch die Wuppertaler Wälder, ein humpelnder Hund mit dem genervten für alles Übel verantwortliche Frauchen. Doch irgendwie wieder ganz so, wie in der (guten) alten Zeit.